Kämpferische Amazonen? Vitale, solidarische Gefängnisinsassinnen wie in „Orange Is the New Black“ ? Oder eine Entwicklung wie in „Herr der Fliegen“ ?
Literatur und Film haben sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage gefunden: Was geschieht, wenn Frauen vollständig von der übrigen Welt – von Männern – abgeschieden leben? Jacqueline Harpman verengt dieses Szenario noch weiter: Ihre Frauen leben nicht nur isoliert, sondern in einer rätselhaften Gefangenschaft. Wie werden sie sich organisieren? Entwickeln sie Widerstandskraft, Solidarität und Fürsorge? Entstehen Hierarchien, Gewalt, Täterinnen und Opfer?
Der Roman „Moi qui n’ai pas connu les hommes“ der belgischen Autorin Jacqueline Harpman erschien 1995. Nun liegt er in einer neuen deutschen Übersetzung vor – und er ist wunderbar zu lesen. Durch BookTok hat der Roman ein großes, vor allem junges Publikum gefunden. Das überrascht nicht: Ein Leben in einer Dystopie voller Ungewissheiten scheint jungen Menschen heute nicht mehr vollkommen fremd zu sein. Es ist ihre Welt.
Vierzig Frauen im Bunker
Vierzig Frauen leben in einem unterirdischen Bunker, bewacht von sechs Männern. Die Regeln sind einfach und unerbittlich: Die Frauen dürfen einander nicht berühren und sich nicht das Leben nehmen. Sie müssen sich stets im Blickfeld der Wächter aufhalten und vor aller Augen die Toilette benutzen. In regelmäßigen Abständen erhalten sie Lebensmittel, manchmal auch Stoff, aus dem sie neue Kleidung nähen können.
Fast alles bleibt unbestimmt. Keine der Frauen erinnert sich daran, wie sie in den Bunker gekommen ist oder was zuvor geschehen war. Warum werden sie gefangen gehalten? Weshalb wurden sie offenbar so ausgewählt, dass keine mit einer anderen verwandt ist, aus derselben Gegend stammt oder sie aus ihrem früheren Leben kennt? Wer hat sie eingesperrt? Woher kommen ihre Narben? Und wie lange leben sie schon dort?
Auf die letzte Frage gibt vor allem die namenlose „Kleine“ eine Antwort. Sie war noch ein Kind, als die Gefangenschaft begann. Während die anderen Frauen Erinnerungen an ein früheres Leben besitzen, kennt sie nichts als den Bunker.
Die Kleine, die keine Menschen kannte
Diese „Kleine“ ist die Ich-Erzählerin des Romans. Als sterbende Frau blickt sie auf ihr Leben zurück und hält fest, was sie erfahren und entdeckt hat: dass das Erfinden von Geschichten glücklich machen kann; dass das Zählen des eigenen Herzschlags der Zeit Struktur gibt und Erkenntnis ermöglicht; und dass ihr die verlorenen Leben der 39 anderen Frauen letztlich unverständlich bleiben.
Auch die Frauen selbst bleiben ihr fremd. Sie menstruiert nicht, teilt deren körperliche Erfahrungen nicht und ist dadurch von ihnen ausgeschlossen. Sie hat nicht nur keine Männer gekannt – sie hat menschliches Zusammenleben nie kennengelernt.
Der französische Originaltitel „Moi qui n’ai pas connu les hommes“ bringt diese Mehrdeutigkeit noch deutlicher zum Ausdruck. Das Wort hommes kann sowohl „Männer“ als auch „Menschen“ bedeuten. Connaître – „kennen“ oder „erkennen“ – lässt eine körperliche und sexuelle Bedeutung anklingen. Es ist das biblische Wort aus der Formulierung „Er erkannte sie“. Die Erzählerin kennt weder Männer noch die Menschheit; weder Sexualität noch menschliche Nähe.
Freiheit in einer wüsten Welt
Als die Frauen nach vielen Jahren ihr Gefängnis verlassen können, finden sie sich in einer leeren, verwüsteten Welt wieder. In dieser vermeintlichen Freiheit versuchen sie, ihr Leben neu zu organisieren. Die 39 älteren Frauen können manches aus ihrem früheren Dasein wiederaufnehmen: Einige finden Partnerinnen, andere stellen ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft und sorgen für die übrigen.
Die „Kleine“ hingegen besitzt keine Vergangenheit, auf die sie zurückgreifen könnte. Sie wurde als Kind jahrelang nicht berührt. Sie kann planen, organisieren, weite Strecken laufen – und ohne Zögern töten. Sie kennt weder Begehren noch intime Nähe und verspürt kaum Sehnsucht danach.
Aus diesem radikalen Anderssein heraus stellt sie die existenziellen und zugleich ganz praktischen Fragen des Menschseins, als würden sie zum ersten Mal gestellt: Was macht den Menschen zum Menschen? Welche Bedeutung haben Berührung, Liebe und Sexualität? Waren Männer für das Leben der Frauen wichtig? Warum ist Privatsphäre ein kostbares Geschenk? Welche menschlichen Eigenschaften können beschädigt oder sogar ausgelöscht werden? Und wie lebt man weiter, wenn es keinen erkennbaren Sinn, keine Zukunft und keine Hoffnung auf eine Antwort gibt?
Die Welt schweigt
Harpman beantwortet diese Fragen nicht. Die Ich-Erzählerin sucht nach Erklärungen, doch die Welt schweigt. In diesem Schweigen lässt sich auch ein fernes Echo von Harpmans eigener Geschichte hören. Die 1929 geborene Autorin entstammte einer jüdischen Familie und erlebte Antisemitismus, Flucht und die Verwüstungen des 20. Jahrhunderts. Der Roman ist keine einfache historische Allegorie. Doch die Erfahrung einer bedrohten Existenz, das grundlose Ausgeliefertsein und die Frage, was vom Menschen nach einer Katastrophe übrig bleibt, durchziehen den Text.
Gleichzeitig wirkt das Buch heute sehr gegenwärtig: als Roman über das Weiterleben angesichts einer verwüsteten Welt, über die Zerbrechlichkeit menschlicher Nähe und über unsere Suche nach einem Sinn.
Ein kraftvoller Roman.