Das Ministerium der Schmerzen – Dubravka Ugrešić (2005)

„Das Exil ist eine Entscheidung im Leben, kein Spiel.“ (Marina Zwetajewa) Das muss man bei Exil-AutorInnen bedenken, denn von außen sieht das Exil oft wie ein großes Abenteuer aus. Und manchmal gerät das Schreiben über das Exil in einen lockeren, selbstironischen Plauderton, über dem man das Schwere ganz vergisst.

Der Protagonistin von Das Ministerium der Schmerzen geschieht genau das: Ihr Student Igor wird ihr am Ende Schnitte mit einem Messer versetzen, um sie aus ihrer „Ich-habe-kein-Trauma“-Erstarrung zu lösen: „Kein normaler Mensch kommt unbeschädigt aus einem Krieg heraus. Sie hingegen schienen so weiß zu sein, so heil wie eine Porzellantasse, ich musste Sie einfach zerbrechen.“


Dubravka Ugrešić (geboren 1949) war eine bekannte kroatische Intellektuelle, als der Konflikt in Jugoslawien ausbrach. Wegen ihrer klaren anti-nationistischen Haltung wurde sie wie andere Autorinnen als anti-kroatische Hexe beschimpft, in Zagreb öffentlich angespuckt und verließ daraufhin das Land. Sie arbeitete als Dozentin an der Universität Amsterdam und in den USA, unter anderem in Harvard.

Tanja Lukić, die Hauptfigur aus dem Roman, arbeitet ebenfalls nach ihrer Flucht an der Universität Amsterdam. Sie unterrichtet andere junge Menschen, die meisten aus Ex-Jugoslawien, für die das Studium die Aufenthaltsgenehmigung in den Niederlanden generiert. Die StudentInnen putzen, kellnern, machen Straßenmusik oder schneidern für den Sado-Maso-Pornoladen „Ministry of Pain“.

Lukić versucht ein Nostalgie-Experiment: Sie katalogisiert mit ihren StudentInnen den ex-jugoslawischen Alltag. „Kamtschakta-Bär ohne Scholle“, wird die russische Dichterin Marina Zwetajewa eingangs zitiert. Die Inventur schafft Ersatz für die Scholle, macht, dass man sich geborgen fühlt.

Sie besprechen die Unterschiede in den Sprachen bosnisch, kroatisch und serbisch („Smrt,  das Wort für Tod  lautete in allen Sprachen gleich.“). Das Todeslager von Omarksa kommt ins Inventar ebenso wie die großen Schriftsteller Miroslav Krleža und Meša Selimović. Auch mit Ajvar aus Mazedonien, Minas-Kaffee und Djordje Balešević versucht die Gruppe, sich ihrer selbst zu vergewissern. Die Paraden an Titos Geburtstag! Die Kraš-Pralinen!

Heilung für die ganze Gruppe? Die Lehrerin hat mit der Jugo-Nostalgie auch verletzt: „Sind Sie jemals auf den Gedanken gekommen, dass Sie uns die ganze Zeit quälten?“

Ein Student tötet sich selbst. Die Lehrerin lernt endlich niederländisch. Manchmal überkommt mich meine Unruhe.

 

 

 

 

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