Philip Roth – Mein Mann, der Kommunist (1998)

Good News – Philip Roth hat auch Bücher geschrieben, in denen KEINE jungen, schönen Mädchen professoralen alten Männern sexuell verfallen. Das muss deswegen gesagt werden, weil Roths großartige Literatur von vielen Frauen gar nicht mehr ernst genommen wird, eben wegen dieses Leitmotivs der begehrten Greise.

I Married a Communist kommt ohne das Motiv aus und erzählt wuchtig von einem in Europa weithin unbekannten Amerika des Klassenkampfes in der Nachkriegszeit. Ein gewisser Nathan Zuckerman erzählt von den Brüdern Ira Ringold und Murray Ringold, die seinerzeit auf den Schüler Zuckerman einen enormen Einfluss ausübten. Schüler Zuckerman lebt in Philip Roths Heimatstadt Newark (etwa 15 km westlich von New York), auch Ira ist hier aufgewachsen. In Newark wird er erwachsen, geht in die große Welt des Nachkriegsamerika, wird ein Star und zerbricht schließlich an Verrat.

Der jüdische Junge Ira hat sich mit seiner physischen Größe und Kraft gegen die „Oberklasse“, die Italiener in Newark, durchgesetzt. Er wird Soldat, Kommunist, Arbeiter, Propagandist und schließlich Radio-Star. Der Kraftlackl ist davon beseelt, ein besserer Mensch zu werden und die Gesellschaft gleich mitzuverbessern. Auf seinem beruflichen Höhepunkt heiratet er die schöne Eve Frame und fortan quälen die beiden einander, als ob sie füreinander gemacht wären. Eve schreibt schließlich ein Buch mit dem Titel „Mein Mann, der Kommunist“, das ihn auf allen Ebenen vernichtet: In Ira wütete alles weiter. Kein Mensch hat jemals weniger Talent als Ira besessen, mit Enttäuschungen fertig zu werden oder seine Stimmungen zu beherrschen. Alles in ihm schrie danach, in Aktion zu treten – und stattdessen musste er Kindern für fünfzig Cent Tüten mit Steinen verkaufen.

Der Roman mit dem Titel „Mein Mann, der Kommunist“ im Roman mit dem Titel „Mein Mann, der Kommunist“ ist ein klassisches Mise en Abyme, ein Bild im Bild im Bild …,  in dem der Künstler sich selbst und sein Werk in einem unendlichen Spiegel betrachten kann. Im Fall von Philip Roth hatte das einen einen ganz konkreten Anlass: Seine Ex-Frau, Claire Bloom, hatte kurz vorher eine Autobiografie verfasst, in der sie ihn – Roth – als Frauenfeind und Geizkragen darstellte.

Philip Roth ist am Werk seiner Frau nicht zerbrochen, sondern nimmt die Kränkung zum Anlass, das Schreiben über reale Personen zu reflektieren. Auch sein Schreiben ist ja immer ein autobiografisches Schreiben. In diesem Romen von 1998 hält Roth kurz inne und überlegt, wie sich seine Mitmenschen, sein „Menschenmaterial“ wohl fühlen könnten, wenn er ihre Geheimnisse in seinen Romanen verwendet und preisgibt. Mit der Figur der gehässigen Ehefrau schlägt er noch eine waghalsige Volte: Die Frage nach dem Motiv des Schreibens und damit automatisch nach dem Motiv des eigenen Schreibens ist nicht schmeichelhaft. Evas (Eves) Sündenfall als Erfolgsrezept des amerikanischen Über-Autors.

Trotz der zerstörerischen Dynamik ist „Mein Mann, der Kommunist“ wunderbar unterhaltsam, stellenweise lustig (die Harfe der gemeinen Stieftochter!), ein spannendes Geschichtsbuch (McCarthy-Ära). Ira Ringold – nomen est omen – repräsentiert den zornigen Aspekt von Philip Roth, die ruppige Seite des kürzlich verstorbenen Fast-Nobelpreisträgers und seine unterhaltsame Kompetenz zur Reflexion: Ein Lesevergnügen, nicht nur für Fans.

Philip Roth: Mein Mann, der Kommunist.

 

 

Kommentare

  1. Servus aus Bayern, mir hat das Buch auch extrem gut gefallen. Kraftvolle Story, witzige Einfälle und Figuren, die ich mag.

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