Bachtyar Ali – Die Stadt der weißen Musiker (2017)

Durchs wilde Kurdistan schickt Bachtyar Ali seinen Helden Dschaladat, genauer gesagt durch den irakischen Teil des kurdischen Gebietes. Der Autor ist Kurde, ebenso wie einige Hauptfiguren und auch der fiktive Erzähler.

Das Erzählen von Tod und extremer Gewalt schockieren – die magische Wirkung wunderbaren Flötenspiels bezaubert. Der Autor arbeitet geschickt mit Gegensätzen und breitet zwei große Fragen aus:

Wie lässt sich im Wahnsinn von Folterknechten und Krieg Gerechtigkeit herstellen?

Was kann Musik, Literatur und bildende Kunst im Angesicht von Zerstörung und Hass leisten?


Wir lernen die Hauptfigur Dschaladat in den 70er Jahren als Kind in einer Stadt im Süden des Irak kennen und verfolgen ihn über die Gemetzel der 80er und 90er Jahre unter Saddam Hussein. Schon früh vermacht ihm der Flötenspieler sein Instrument und damit beginnt Dschaladat, sich als Musiker zu entfalten. Sein Leben lang wird er als Mittler zwischen den Lebenden und Toten wandeln, als wunderbarster Musiker – und auch als Hum-ta-ta-Kommerzmusiker, nachdem ihm ein eigens engagierter „Entlern-Lehrer“ all sein Können raubt, damit er gefahrlos und anonym in der Masse leben kann.

Der Flötenspieler muss „den falschen Künstler in sich wecken“. Einige Jahre verbringt Dschaladat so in einer geheimnisvollen Stadt voller Militärs und Prostituierten. Dort trifft er im Freudenhaus „Weiße Orange“ als Musiker auf Dalia, die sich nach ihrem verhafteten Verlobten verzehrt und mit der er eine Herzensverbindung aufbaut. Er trifft dort auch auf den Oberst des Bösen, Samir, den ein so wunderbarer Orangenduft umweht, dass man sich bei Gabriel Garcia Márquez wähnt und auf den Arzt und Kunstsammler Musa Babak.

Bachtyar Ali verschiebt die Hoffnung auf ein Leben mit und in Kunst ins Imaginäre: Die titelgebende Stadt der weißen Musiker beherbergt alle die früh Verstorbenen, die ermordeten kurdischen Künstler, all die Werke, die nicht entstehen durften. Dabei stellt Bachtyar Ali immer wieder Überlegungen zur europäischen Kulturgeschichte an – vertrautes Terrain von Parzifal über Alice im Wunderland bis zu Manchester United.


Die Erzählperspektive teilen sich zwei Erzähler auf: Dschaladat selber reißt gelegentlich die Geschichte an sich „Meine Lieben, der Held ist wichtiger“, damit seine Biographie „wahr“ bleibt. Der zweite Erzähler, Ali Sharafiar, ein echter Romanautor, hingegen möchte die Tatsachen ein wenig ausschmücken, damit die Geschichte gut wird.

Sprachlich darf sich der Leser als etwas Besonders fühlen: Der Autor schreibt auf Sorani, einer sehr kleinen Sprache, deren meiste Sprecher Analphabeten sind. Wie wunderbar, dass der Text zu uns gefunden hat! Bachtyar Ali lebt seit den 90er Jahren in Deutschland und bekam für dieses Buch 2017 den Nelly Sachs Preis.

Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker.

 

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