Vor dem Fest – Saša Stanišić (2014)

Die allerbeste Gelegenheit, die Texte von Saša Stanišić zu „lesen“, ist, sie zu hören, und zwar von ihm selbst. Er liebt seine Literatur. Wort für Wort. Ob Essays oder Erzähltexte. Und er liebt es, vor Publikum zu lesen. Er liest leidenschaftlich und blickt dann begeistert ins Publikum, das begeistert zurückblickt. Also, wenn eine Lesung mit Saša Stanišić angekündigt ist: Nichts wie hin!

Über Stanišić und sein Schreiben über die Provinz ist schon viel geschrieben worden. Der deutschsprachige Autor mit Wurzeln im Višegrad von Nobelpreisträger Ivo Andrić ist nach einem Leben in Deutschland der Hochliteratur (Heidelberg, Leipzig, Berlin), nach seinem Bestseller-Debut (Wie der Soldat das Grammophon reparierte) an den äußersten Rand gegangen und hat die provinzielleste aller Provinzen, die Uckermark, in einen aufregenden literarischen Ort verwandelt.

„Jeder darf bei Ulli trinken, auch mehr, als er kann.“

Zwischen dem Beginn des Romans („Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr.“) und einem brennenden Scheiterhaufen am Ende portraitiert Stanišić auf 300 Seiten das Dorf Fürstenfelde, das sich einen Tag Vor dem Fest auf eben dieses vorbereitet. Innerhalb dieses Tages erweckt er mehrere Jahrhunderte zum Leben: Alte Geschichten und Spuren von Legenden spielen eine Rolle und umranken kraftvoll die Figuren der Geschichte:

„Der Neonazi schläft.“

Das sind Suzi und Lada, der Glöckner und sein Lehrling, die 90jährige Malerin und ihre letzten Werke (Der Neonazi schläft und Sparkasse im Sonnenuntergang), Frau Schwermuth und ihr verschlossener Keller, die Füchsin und die Hühner, der Nazi und der Stasi. Allen und allem wird Raum gegeben. Alle haben ihren Platz im Dorf. Und das beeindruckt den stets mit Moralkeule und Schublade bewaffneten weltstädtischen Kritiker wohl am meisten. Dazwischen natürlich Pest, Zauberhexen und wilde Riesen.

Stanišić ist der leidenschaftliche Fabulierer geblieben, der schon immer war. Wir werden uns jetzt in Ullis Garage ein Bier und einen Schnaps hineinstellen. Angenehm umschwiegen von den Gästen.

 

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