Alles über Sally – Arno Geiger (2010)

Der Ehemann von Sally schreibt Tagebuch. Gott sei Dank!

Arno Geiger verführt uns lange dazu, den Ehemann von Sally ein wenig zu verachten: Ältlich wird er von ihr gesehen, langweilig, depressiv wegen eines Wohnungseinbruchs. Ein bisschen lächerlich, wie er sich um seine Tagebücher sorgt, der 57-jährige Museumskurator Alfred Fink.
Seine Frau derweilen blüht nach dem Einbruch richtig auf: Sie bringt das Haus in Ordnung und schnappt sich einen Liebhaber. Einen von vielen neben ihrer langen, 30 jährigen Beziehung, wie wir später erfahren.

DER EHEBRUCH

Gegen die Folie des Ehebruchs leuchtet durch, was 30 Jahre Ehe bedeuten. Wie man es vielleicht schaffen kann, zusammen zu leben und zusammen zu bleiben. Lange Strecken des Romans werden die LeserInnen abgelenkt: Wir folgen der  unruhigen, suchenden, immer aktiven Sally, um ihren way of life zu unterstützen oder abzulehnen.

Ganz am Beginn des Buches deutet ein TV-Beitrag die Gefahren des ehelichen Betrugs an: Gesteinigt werde man heute in Europa nicht mehr deswegen, aber es sei auch nicht so harmlos wie das Aufdrehen des Wasserhahns, lesen wir. Die Schilderung der sexuellen Aktivitäten von Sally zeigen eine selbstbestimmte, ihre Sexualität auslebende 52jährige. Ganz normal heute, vor vierzig Jahren in Österreich undenkbar: Es hat sich tatsächlich etwas entwickelt in diesem Land. Und die AkteurInnen der gesellschaftlichen Veränderung waren tatsächlich die heute über 50jährigen. Die für die jüngeren Generationen Unsichtbaren sind historisch die Auffälligen.

Sally kämpft hart gegen das Unsichtbarwerden, gegen das Älterwerden. Verletzt bemerkt sie, dass ihr fremde Männer nicht mehr „Prinzessin“ zuhauchen. Gekränkt in ihrem Stolz ist sie, weil sie ihr Liebhaber wegen einer Jüngeren verlässt. „Ja, eh“, denkt die Leserin, bewundert die Empathie des Autors für die weibliche Perspektive und macht sich auf ein reuiges Happy End gefasst.

DER STUTZSTRUMPF

Und dann kommen – Alfred und sein Stützstrumpf. Bis dahin haben die LeserInnen ihr Interesse an Alfred schon fast verloren. Aber dann: KA-WAMM! Der Tagebuchauszug von Alfred ist ein Hammer:

Der Innere Monolog spricht aus, worum es in einer Ehe wirklich gehen kann. Nach diesem Text mag man Alfred und freut sich, dass es solche Helden gibt. Arno Geiger zeigt uns den Mann in der Ehe, der ein moderner „Charles Bovary, Landarzt“ sein könnte. Und die ehebrechende Frau in der Ehe, die als Madame Bovary in der heutigen Gesellschaft nicht mehr die alte sein kann: Romantische Illusionen? Arsen als letzter Ausweg? Sicher nicht.


Arno Geiger: Alles über Sally.

 

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