Madame Bovary – Gustave Flaubert (1856)

 

Zwischen Cervantes und Houellebecq: „Es wurde also beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern.“ 250 Jahre nach Miguel de Cervantes‘ Don Quijote erzählt wieder ein Autor aus dem romanischen Sprachraum von der „verderblichen Wirkung“ populärer Literatur. Und so wie der spanische Longseller hat sich Madame Bovary im Kanon der „Werke, die man gelesen haben muss“ gehalten.

INHALT

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Eine Bauerntochter, Emma, heiratet den älteren, verwitweten Arzt Charles Bovary in der Hoffnung auf ein aufregendes Gesellschaftsleben, so wie es in den von ihr verschlungenen Romanen erzählt wird.

Allerdings wird sich ihr eigenes Eheleben ganz anders als die Frauenleben in der Literatur entwickeln: Sie führt ein Leben als Frau des Landarztes auf dem Land. Dies wird ihr bald extrem langweilig, sie verfällt in depressive Stimmungen. Charles Bovary sieht seine Frau unzufrieden und zieht deshalb mit ihr in eine andere Gegend, dort lernen sie die Apothekerfamilie Homais und den Kanzlisten Léon kennen, in welchem Emma einen Seelsenverwandten findet: Beide lieben Musik und Literatur. Er wird ihr zweiter Liebhaber werden. Der erste ist Rudolphe, ein Grundbesitzer, in den sich Emma leidenschaftlich verliebt, während er in ihr lediglich eine hübsche Affäre sieht.

„Er langweilte sich jetzt, wenn Emma plötzlich schluchzte an seiner Brust.“

Sie verschuldet sich für Luxusgüter und Geschenke an Rudolphe, er verlässt sie. Der Händler Lheureux, bei dem sie die Schulden hat, verkauft die Wechsel weiter. Den Bovarys droht Pfändung. Keiner der beiden Liebhaber hilft ihr aus der finanziellen Misere. In dieser ausweglosen Situation bringt sie sich mit Arsen um. Charles findet die Briefe der Liebhaber und stirbt als gebrochener (und verarmter) Mann, die Tochter Berthe kommt zu armen Leuten in Pflege.

Kurzum: Der Roman handelt von der Zerstörung des bürgerlichen Lebens durch seine eigenen Ideale und arbeitet vordergründig mit traditionellen literarischen Strategien, um dem Roman Spannung zu verleihen:

Eine davon ist die „späte Einführung der Hauptfigur“ – Den LeserInnen wird sogar anfänglich ein falsche Madame Bovary (die erste Frau des Arztes) unterschoben, auch das wiederholte Auftauchen von symbolträchtigen Motiven (die beiden Brautsträuße) ist nicht neu. Eine andere Strategie ist die „Spiegelung“ – Charles Bovary kann die Liebe seiner ersten Frau nicht erwidern, und erlebt in der Ehe mit Emma, dass umgekehrt seine Liebe auf Granit stößt. Was macht nun aus dem Text (triviales Thema, gängige Strategien) ein Stück Weltliteratur?

SKANDAL

Nach der Veröffentlichung fand vor allem die Tatsache Beachtung, dass das Buch dem Autor umgehend eine Anklage wegen „Verstoßes gegen die guten Sitten“ einbrachte: Junge Frauen und Mädchen sollten sich damals kein Beispiel an Emma Bovary nehmen, die ihren ordentlichen Ehemann verachtet, die sexuelle Befriedigung und leidenschaftliche Liebe (von der sie aus ihren Romanen weiß) aktiv einfordert und bereit ist, einen hohen Preis dafür zu zahlen.

„Im Grunde ihrer Seele freilich wartete sie auf ein Ereignis.“

Immer noch aufregend ist – wenn man diese wahrnimmt – die „skandalöse“, fast Houellebecqsche Verachtung für die zeitgenössische Denkfaulheit und die Vorhersehbarkeit von Gefühlen.

Die Protagonistin ist ja nicht nur die Femme Fatale, sondern sie ist auch die „ewig unzufriedene Ehefrau in der spießbürgerlichen Provinz“, die (selbst)zerstörerisch im Außen unerbittlich sucht, was ihr im Inneren fehlt. Mit dieser Facette der Figur möchten sich LeserInnen weniger gern identifizieren, wir sehen sie auf den ersten Blick gar nicht. Und schon sind wir leichtes Opfer des raffinierten Autors geworden, der die zeitgenössische Gesellschaft vivisezierte und den LeserInnen ihre eigene berechenbare Haltung zum Fraß vorwarf.

SPRACHE

Flaubert machte es sich nicht leicht: Fünf Jahre lang arbeitete er ununterbrochen an Madame Bovary. Hunderte Korrekturdurchgänge waren notwendig, um den Text so perfekt zu gestalten. Jede Nuance in diesem Text ist absichtlich gewollt, nichts einfach zugeflogen. Jedes Wortspiel (und davon gibt es viele) hat er – so berichtet die Forschung – hundertfach überprüft und oft wieder verändert.“

„Charles aß und aß.“

Nach jeder der inzwischen 28 Neuübersetzungen ins Deutsche – die jüngste stammt von Elisabeth Edl – rauschte es im Blätterwald des Feuilletons. Jedes Mal delektieren sich die großen deutschsprachigen Doyens und Doyennes der Literatur-Rezension mit großer Liebe zum Detail an der neuen Interpretation des Textes:

Die NZZ, die Neue Züricher Zeitung, etwa arbeitet an dem kurzen Satz Charles aß und aß heraus, dass Elisabeth Edls neue Formulierung nun erstmals den gehässigen Blick seiner Ehefrau spürbar macht. Die Übersetzungen der vergangenen Versionen Charles aß mit großem Appetit und Charles aß langsam ließen diese Nuance des französischen Originals weg.

WELTLITERATUR

Was interessiert uns heute noch an dem Werk über die gescheiterte Selbstverwirklichung einer Frau vor 150 Jahren? Fasziniert uns die Ehebruch-Story? Macht das die Bedeutung des Werks aus?

Das Thema Ehebruch als Lockvogel für die Leser

Die Ehebruch-Story ist das „trojanische Pferd“, mit dessen Hilfe Gustave Flaubert etwas ganz anderes zeigt: Das neue Schreiben – einen Super-Realismus. Er lockt die Leserschaft mit dem trivialen Sujet, formuliert entgegen der Genre-Tradition ohne jegliche Romantik, sondern mit der Präzision eines Naturwissenschaftlers (der Todeskampf von Emma zieht sich minuziös über mehr als zehn Seiten) und macht es trotzdem möglich, dass die LeserInnen aus dem Text Erkenntnis gewinnen, ohne dass er selbst kommentierend oder erklärend darauf hinweist. Sein einziger Kommentar besteht in der ironischen Wirkung einiger Sequenzen. Sprachenliebhaber aus aller Welt liegen Flaubert immer noch zu Füßen: Die Schönheit der französischen Sprache kommt in diesem realistischen Text zum Leuchten wie nie.

„J’accuse!“

Weltliteratur impliziert natürlich auch, dass kein bedeutender Autor an diesem Werk vorbei kann:

„Je vous accuse, Monsieur Flaubert! Ich klage Sie an, weil Sie mich zu einem Tropf machten“, waren etwa die Überlegungen von Jean Améry in seinem Buch „Charles Bovary, Landarzt Portrait eines einfachen Mannes“ 1978.

Zuletzt wurde die Bovary in Annette Hugs klugem Roman über das Übersetzen „Wilhelm Tell in Manila“ gesichtet. Nur in einem kleinen Satz. Aber ohne Flaubert geht es eben nicht.


Gustave Flaubert: Madame Bovary

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