#fbm2020 – Frankfurter Buchmesse allein zu Haus

Flughafen Frankfurt, 14. Oktober 2020, Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse, 08:00 Uhr: Null komma null Personen ergießen sich über die Rolltreppen, ihre kleinen Köffercherchen nachziehende, geschäftsmäßig in die Headsets ihrer Mobiles sprechend.

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Flughafen Frankfurt, Morgenflug.

Die Abwesenheit von Gedränge in Frankfurt gehört natürlich zu den erfreuilchen Seiten von COVID 19. Kein Mensch steigt einem dieses Jahr in die Achillessehnen, begeisterte Leserinnen boxen einander nicht vom letzten verbliebenen Sitzplatz bei einer Promi-Lesung weg.

Tröstet noch anderes über den Verlust des Social-Contacting hinweg?

#Highlight 1: Ein Professor hört zu

Der „aktuell beste Philosoph Deutschlands“ Markus Gabriel, der gegen die „Coronialisierung der Welt“ und für mehr Vertrauen auf die Eigenverantwortung in Pandemiezeiten anschreibt („Mich hat die Maske erst gestört, als ein Bußgeld damit verbunden wurde.“) diskutierte mit dem Epidemiologen Karl Lauterbach auf der traditionellen ARD-Bühne der Frankfurter Buchmesse, aber ohne Publikum und via Monitor.  Was es „im Fernsehen“ besonders im Bezug auf Corona schon länger nicht mehr so gibt: Die beiden hörten einander zu und der Philosoph sagte am Ende doch tatsächlich: „Ah, das habe ich nicht gewusst, das werde ich in meine Überlegungen nun einbauen.“ Der Arzt hatte vorher erklärt, dass COVID bei älteren Menschen die Vorsorge von 30 Jahren gesundem Leben zerstören könne und hatte die Unterschiede zur Grippe (die Auswirkungen des schweren Verlaufs auf Organe Niere, Lunge und Gehirn) deatailliert dargelegt.

Ds gibt also Hoffnung: Das gepflegte Gespräch kommt mit digitalen Formaten OHNE den Quotendruck der TV-Anstalten vielleicht doch auf den Bildschirm zurück.

#Highlight 2: Der kluge Jan Böhmermann

Auf Jan Böhmermann hatte die Video-Konferenz eine ganz überraschende Wirkung: Obwohl er sich extra vor optisch unruhigen bunten portugiesischen Fliesen platziert hatte, nahm ihm die Abwesenheit von Menschen viel von seiner Zappeligkeit und dem Druck, lustig zu sein oder mit dem Publikum zu kokettieren. Und siehe da: Seine Ausführungen zum Medium Twitter waren auch für Nicht-Fans überlegt und klug. Böhmermann reflektierte über seine Arbeit, die ihn als Komiker überraschenderweise  zum journalistischen Korrektiv mache: „Dass Spiegelredakteure mit rechtsextremen Politikern Partys feiern, das findet man nur auf meinem Twitter-Account.“ Er habe Spaß daran, gelegentlich zu zeigen, was diese neue Öffentlichkeit auf Twitter journalistisch leisten könne, obwohl er sich keineswegs als Vertreter dieser Zunft sehe.

#Lowlight: Second Screen

Das Gedränge um Autor*innen und Bücher führt zu normalen Zeiten zu einer schwitzenden, physischen und emotionalen Präsenz von Publikum und Fachbesuch auf der Messe. Dieses Jahr haben wohl die wenigsten den ganzen Tag vor dem Monitor verbracht, sondern die Digi-fbm wurde auf dem Smartphone oder dem Tablet „nebenbei“, neben der Arbeit konsumiert.  Literatur als Nebensache, als Beiwerk zum beruflichen oder privaten Alltag: Das funktioniert nicht gut.

#Highlight 3: Literatur-Fans & ihre Autor*innen

Zum Bookfest 2020 in der Frankfurter City, zu den einzelnen Lesungen und Events in Literaturinstitutionen, Bars & Co. kamen die Frankfurter*innen, extrem diszipliniert mit Maske und Abstand, und feierten die Autor*innen mit genussvollem Zuhören und Applaus.

Liebst du ihn noch?!

Gezählte 16 Menschen kamen etwa zur Lesung von Syd Atlas, die aus „Das Jahr ohne Worte“ las. Die Amerikanerin in Berlin hat die siebenjährige Geschichte zwischen der Diagnose ihres Mannes mit der Krankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) und seinemTod aufgeschrieben. Ein spannendes Buch einer Optimistin, das im Plot über den Topos „Leidensgeschichte“ hinausgeht.

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Syd Atlas (Mitte): „Wie ich seine Stimme vermisse!“

Das ganz kleine Publikum bildete den richtigen Raum für diese Geschichte. Die Autorin konnte in diesem Rahmen davon berichten, dass sie nach der Diagnose dachte, „dass wir als Familie jetzt noch intensiver leben könnten“, aber bei 93 Pflegerinnen in einem Jahr sei das unmöglich gewesen.

Die schönste Frage an Syd Atlas stellten die Buchhandlungs-Azubis aus Frankfurt-Seckbach: „Wie ist das jetzt mit der Liebe?! Liebst du ihn noch?“

Ist unsere Zeit bereits so wie „jene andere“, von Hass geprägt?

Matthias Nawrat, von Dreitagesbart auf kräftigen Schnurbart umgestiegen, konnte 27 Besucher*innen gewinnen. Mit seinem jüngsten Roman „Der traurige Gast“, der in der Polonia spielt, der polnischen Diaspora in Berlin gewann er den EU-Literaturpreis.

Nawrat hat in die Mitte des Buches den Anschlag auf dem Breitscheidplatz von 2016 platziert: Auch in Berlin, wo die Menschen vergleichsweise paradiesisch zusammenleben würden, „ist deren Geschichte noch da“. Auch die polnische Community aus dem Buch und in Wirklichkeit lebe gefangen in einem Transitraum: Es geht nicht mehr zurück, aber sie werden niemals den sozialen Status aus ihrer Heimat wieder erlangen, niemals Deutsch wie ein Deutscher sprechen.

 Und auch diese Lesung lässt das Publikum den Autor mit Haut und Haaren wahrnehmen. Das geht eben wirklich nicht digital: In Resonanz mit einem Menschen gehen, deren Selbstsicherheit und innere Freude spüren und ihm mit Applaus freundlich auf die Schulter klopfen.

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Matthias Nawrat: „Paradiesisches Berlin“.

 

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