Ein Mann ohne Hass hat sein Buch geschrieben. Der französische Journalist Antoine Leiris verlor seine Frau Hélène bei den Terroranschlägen von Paris im November 2015. Sie wurde im Bataclan erschossen. Als er Gewissheit über das Unfassbare hatte, schrieb er auf Facebook:
„Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“
Mit diesem Satz traf er ins Herz der entsetzten Menschen. Seine privaten Worte wurden millionenfach geteilt.
In Meinen Hass bekommt ihr nicht erzählt Leiris von der Suche nach seiner Frau bis zur schrecklichen Gewissheit, von den ersten Tagen mit seinem kleinen Sohn Melvil und davon, wie unmöglich ein normales Leben nach einem solchen Verlust scheint. Am Ende des etwa 140 Seiten langen Textes bleibt. Der Text erzählt von Liebe.
Als Journalist hätte Leiris die Mittel, das Drama wortreich auszumalen. Er wählt die Reduktion. Sein Text wirkt stellenweise geradezu distanziert. Ein stilistisches Mittel, das die Wucht des Verlustes umso deutlicher vermittelt. Die Mörder bekommen bei Leiris kein Gesicht: Er setzt sich nicht mit ihrer Geschichte, ihrem Hass, ihrer Entwicklung, ihren Persönlichkeiten auseinander. Stattdessen zeigt er Augenblicke der Intimität mit seinem damals 17-monatigen Sohn Melvil. Darin liegt die Kraft dieses Buches.
Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt ihr nicht.

Natürlich soll und darf jeder über sein Schicksal schreiben.
Man kann sich während der Lektüre vorstellen, wie ein halbes Jahr nach dem fürchterlichen Drama ein Verleger bei Leiris vorstellig geworden ist und ihm das Angebot gemacht hat.
Tolle Chance für ihn, professionell geschrieben. Sehr erfolgreich.
Berührt hat es mich nicht mehr.
Aber: Who am I to judge!