München – Robert Harris (2017)

Männerliteratur! „Mir gefällt es, wie er schreibt.“

Diesen Satz kann hören, wer sich in Buchhandlungen in der Nähe des Bücherstoßes mit Robert Harris‘ „München“ herumtreibt. Diesen Satz sagen Männer.

„München“ handelt von vier Tagen im September 1938. Hitler hat bereits Österreich kassiert und den Einmarsch in die Tschechoslowakei angekündigt. Neville Chamberlain, der britische Premierminister, will auf alle Fälle den Frieden in Europa erhalten. Unter anderem deswegen, weil das englische Militär für einen Krieg noch nicht gerüstet ist, aber auch, weil er Krieg verabscheut.

Harris vs. Churchill

Der Autor Robert Harris rehabilitiert mit diesem Roman den Politiker Neville Chamberlain, der mit seiner „feigen Appeasment-Politik“ eine Art Schandfleck der Geschichtsschreibung geworden war. Die treibende Kraft hinter der weltweiten Verachtung für den britischen Premier ist sein Nachfolger, Winston Churchill, gewesen:

Nach Chamberlains Tod sagte Churchill: „Chamberlain wird in der Geschichte schlecht wegkommen. Ich weiß das, weil ich sie schreiben werde.“

Ohne Schnickschnack protokolliert der Roman (es ist natürlich Fiktion, keine historische  Dokumentation) die vier Tage des Münchner Abkommens, in denen Hitler, Chamberlain, Mussolini und der Franzose Daladier schriftlich übereinkamen, nach Hitlers Wünschen die Integrität des tschechoslowakischen Staates zu opfern, um den Frieden in Europa zu sichern. Das Sudetenland wird an das Dritte Reich „friedlich angegliedert“, der deutsche Vernichtungskrieg beginnt ein Jahr später. Die Hoffnung auf Frieden war vergeblich.

Dass die deutschen Pläne schon damals ganz auf Krieg standen, wissen einige Romanfiguren aus einem geklauten Protokoll. Die Versuche, dieses Chamberlain zur Kenntnis zu bringen, machen einen Teil der Dynamik des Romans aus. Die Verschwörer hoffen darauf, dass sich England und Frankreich in Kenntnis des deutschen Protokolls nicht auf das Abkommen einlassen werden, die LeserInnen wissen aber bereits, dass Großbritannien militärisch auf Härte noch gar nicht vorbereitet ist.

Well played, Mr. Harris!

Wir wissen wiederum schon vor der Lektüre, wie die Sache ausgegangen ist: Der ultimative Spoiler steht im Geschichtsbuch. Trotzdem besitzt das Buch Spannung: Harris hat zwei Randfiguren erfunden, zwei Diplomaten, einen englischen und einen deutschen, aus deren wechselnden Perspektiven die vier Tage dreidimensional vor den LeserInnen entstehen.

Frauen, Liebe und Sex kommen nur ganz am Rande vor. Im Zentrum stehen die Politik, der Einsatz für das eigene Land, die Fragen des Gewissens. Männersachen eben!?!?  Ein sehr antiquierter Blickwinkel. Er passt zur erzählten Zeit.

Well played, Mr. Harris.

 

Robert Harris: München

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