In einer Person – John Irving (2012)

Bill Abbott wächst in einer „irvingesken“ Welt auf: Wer John Irving liest, freut sich auf das Wiedersehen mit Bären, dem Ringen, mit Wien-Aufenthalten und, ja, mit schriftstellernden Hauptfiguren. Sogar die Wahnsinnsarie der Lucia ist wieder dabei. Wer John Irving mehrmals gelesen hat, erkennt sogar ganze Sätze (aus „Owen Meany“) wieder.

Jeder Roman von Irving verfolgt ein besonderes Thema, das sich in einer immer ähnlichen fiktiven Welt manifestiert. Hier ist es die Uneindeutigkeit der Geschlechter. Von Grandpa Harry bis zur am Ende eingeführten Figur „G“ oszilieren die Protagonisten zwischen Mädchen und Buben, Frauen und Männern, Hetero-, Homo- und Bisexualität.

Grandpa Harry spielt auf der örtlichen Laienbühne traditionell nur die Frauenrollen, Bill schwärmt als Teenager unter anderem für die fast zwei Meter große Bibliothekarin, Miss Frost, seinen Stiefvater, den BH seiner gleichaltrigen Freundin und für Jaques Kittredge, den Star des Ringer-Teams. Alle Figuren spielen ständig Theater, auf der Bühne (Ibsen und Shakespeare) und im Leben. Niemand ist, wer er zu sein scheint. „Mein lieber Junge, please don’t put a label on me“, sagt Miss Frost zu ihm, sagt er viele Jahre später zum Sohn seines Teenagerschwarms.

Bill Abbott wird natürlich Schriftsteller, und zwar einer, der als Kind seinen Vater nicht kannte (wie Irving), der bisexuell ist (Irvings Sohn ist homosexuell) und der Charles Dickens und Shakespeare liebt. Es ist allerhand los und Seite für Seite folgt man gespannt Bills turbulentem Leben.

Und plötzlich passiert: AIDS. Ganze schwule Communities sterben „wie die Fliegen“. Erschüttert bemerkt man, wie sich die 80er und 90er Jahre aus der Erinnerung gestohlen haben, Irving beschreibt das Leiden und Sterben detailliert, berührend und verzweifelt. Aber nicht so verzweifelt, dass der Leser nicht noch süchtiger weiter blättern würde.

Der schriftstellernde ehemalige Schüler wird am Ende zu dem Lehrer, der Irving während des ganzen Romans ist: Mit vielen kursiv gedruckten Sequenzen stellt er immer klar, was betont gelesen werden soll. Die Leser haben nicht viel Interpretationsspielraum, aber einem guten Lehrer folgt man ohnehin gerne.

Unsicherheit schaffen allein die vielen Verluste, die Bill erstaunlich gelassen hinnimmt. Seine AIDS-Toten betrauert er sehr, aber dass er viele Figuren, die ihm im Laufe des Lebens wichtig waren, jahrzehntelang nicht kontaktiert, um dann nebenbei von ihrem Tod zu erfahren, irritiert den Leser (der doch wissen möchte, wie es diesen ergangen ist!).

Aber so ist das im Leben. Ganz präsent ist man sich selbst, dann kommen die Menschen, die gerade da sind. Der Rest ist Erinnerung, Historie, Schall und Rauch.

John Irving: In einer Person

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