Die Kinder des Olymp – Marcel Carné (1945)

Les enfants du Paradis – „Sehen Sie und staunen Sie!“ Der großartigste Film aller Zeiten wurde unter schwierigen Bedingungen während der deutschen Okupation in Paris gedreht. Die Premiere am 9. März 1945 geriet zwar zum Desaster (unter anderem war die Hauptdarstellerin im Knast und die geladenen Gäste verließen das Kino mitten im Film, um die letzte Metro zu erreichen) – in der Folge lief der Film aber 54 Wochen lang im Kino Madeleine und wird bis heute immer wieder an der Seine gespielt.

??? Worum geht es in dem Film?

Gaukler, Artisten, Lichtgestalten. Vier Männer und eine Frau, die schöne Schauspielerin Garance (dargestellt von Arletty), Paris um 1830, das Theater Théâtre des Funambules am schon lange verschwundenen Boulevard du Temple – Das sind die Eckdaten des Films. Garance (Arletty ist betörend wie nie zuvor und nie mehr nachher) ermöglicht jedem ihrer vier Liebhaber, der zu werden, der er ist.

Jeder der vier Männer kann seine Liebe zu Garance nur entsprechend seinem Charakter ausleben und dabei spiegelt jeder Charakter ein Theaterfach: Der Pantomime, der Melodramatische, der anarchische Dichter und der verhinderte Held verstricken ihre Leben mit Garance im Jahr 1827. Nach einer mehrjährigen Abwesenheit der Schauspielerin beginnt sich das Beziehungskarussel erneut zu drehen.

??? Warum ausgerechnet die Zeit um 1830?

Die deutsche Besatzung verlangte ein Thema aus der weit entfernten Vergangenheit und eine gänzlich private, unpolitische Story. Ansonsten hätte der Dreh gar nicht beginnen können. So entschied sich das Team um Marcel Carné für diese vergangene Zeit des blühenden Pariser Theaterlebens. Drei der Männer haben wirklich existiert. Sie waren wichtige Protagonisten der Kunstszene und ermöglichten die Behandlung großer nationaler französischer Tradition:

Garance verlässt zu Beginne des Films Pierre-François Lacenaire, einen historisch verbürgten Dichter und Mörder, und lernt Baptiste Deburau (dargestellt von Jean-Louis Barrault) kennen. Deburau ist jener Pantomime , der im 19. Jahrhundert die Figur des traurigen Pierrot aus dem Figurenarsenal der Commedia dell’arte erarbeitet hat. Da die Liebe zwischen Garance und Baptiste nicht klappt, kommt Frédérick Lemaître zum Zug. Auch er ist ein historischer Zeitgenosse von Lacenaire und Deburau, nämlich ein äußerst populärer Darsteller im Genre Melodrama.

??? Wer hat den Film gemacht?

Regisseur Marcel Carné realisierte Die Kinder des Olymp als Höhepunkt seines Schaffens. Er arbeitete sehr gern im Team, sehr gern mit den immer gleichen Kollegen. Sein Lebenswerk ist daher untrennbar mit seinem langjährigen Team Joseph Kosma (Filmmusik) , Alexandre Trauner (Szenebild) und Drehbuchautor Jacques Prévert sowie einem Schauspielerensemble rund um Jean Gabin, Arletty, Jean-Louis Barrault und Pierre Brasseur verbunden. Sie alle (außer Jean Gabin, der den Forces françaises libres auf Seiten der Allierten beigetreten war) standen Carné bei den Kindern des Olymp zur Seite und trugen maßgeblich zum Gelingen des Kunstwerks bei.

??? Ein Filmdreh unter deutscher Besatzung?

Regisseur Marcel Carné hatte allerhand Unbill zu umschiffen. Der Krieg führte nicht nur dazu, dass seine Geldgeber ausstiegen: Die hungrige Filmcrew aß gelegentlich die Requisiten auf, bevor die Ess- und Trinkszenen im Kasten waren, die prächtigen Kostüme waren teilweise nur aus Papier und der allgemeine Ressourcenmangel verzögert den Dreh immer wieder.

François Truffaut: „Ich würde alle meine Filme eintauschen, wenn ich die Chance gehabt hätte, nur diesen einen zu drehen: die ‚Kinder des Olymp‘.“

Zusätzlich zerstörte ein Sturm die berühmte Außenkulisse: Die Film-Konstruktion der historischen Häuserfront von 50 Gebäuden und des Boulevards du Temple musste repariert werden. Für die Wahnsinnskulisse des „Boulevard du Crime“ wurden ja insgesamt 800 Kubikmeter Erde bewegt, 300 Tonnen Mörtel verputzt, 35 Tonnen Gerüst von Paris nach Nizza gebracht und 500 Quadratmeter Glas verbaut. Der Boulevard ist der wichtigste Schauplatz und markiert den Rahmen des Films: Zu Beginn werden die Protagonisten aus der Menschenmenge ausgespuckt, am Ende verschwinden sie darin.

Stromknappheit, Fliegeralarme und ständige Besuche der Gestapo taten ein Übriges, um an Carnés Substanz zu zehren: Seine ungarischen Mitarbeiter Joseph Kosma (Musik) und Alexandre Trauner (Szenenbild) waren aufgrund der Nürnberger Gesetze in ständiger Lebensgefahr.

??? Warum ist das Theater für einen Film ein Thema?

Die Kunst reflektiert eben auch oft und gerne über sich selber: Das poetische Cross-over der Kunstrichtungen Theater und Film stellt inhaltlich das Theater ins Zentrum des Films. Das Nebeneinander- und Ineinanderspielen der Theatergenres Pantomime, Komödie und Melodram sowie die poetische Umsetzung im Konkurrenzmedium Film faszinieren und beglücken noch heute. Die „Kinder des Olymp“ verweben auch sehr schön Stummfilm und Tonfilm, indem der stumme Pantomime die zentrale Rolle bekommt. Der Film beginnt mit dem Heben eines Vorhangs und endet damit, dass der Vorhang fällt.

Auch der Titel bezieht sich ja auf das Theater: Sowohl der deutsche Olymp als auch das französische paradis bezeichnen den obersten Rang im Theater, wo die billigsten Plätze sind: Hier mischten sich traditionell Dienstboten, Militär, Studenten und Intellektuelle. Auf der Galerie wurde während der Vorstellung gegessen und getrunken, geküsst und gestritten, über das Stück gejubelt und laut geschimpft oder gepfiffen. Hier war das Publikum revolutionäres Potenzial. Carné und Prevért widmeten diesem Publikum ihren besten Film.

Vier Theaterproduktionen lernen wir in diesem Film kennen. Wir staunen über Frédéricks Begeisterung für „Othello“ und ebenso darüber, wie sehr uns die stumme Pantomime im Stück über die Anbetung des Mondes entzückt und unterhält. Auch da gibt es ein äußerst lustiges Cross-over, die unvergessliche Szene, wenn Frédérick als Schauspieler die vierte Wand durchbricht, plötzlich zum Kommentator der Handlung wird und das gesamte Ensemble durcheinanderbringt.

??? Ist der Film langweilig?

In keiner Sekunde der drei Stunden! Das Team um Marcel Carné erzeugt zwar in diesem Film eine ganz eigene Art der Melancholie und der poetischen Ausweglosigkeit, aber Theater für die Zuschauer im obersten Rang darf niemals langweilig sein. Dafür sorgt sein Mix aus Komödie, Pantomime und Melodram.

??? Warum war der Star im Knast?

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Warum die wunderbare Arletty im Gefängnis war? Sie hatte sich mit einem deutschen Offizier eingelassen. Nach zwei Monaten wurde sie entlassen, dem Liebhaber blieb sie bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden, ihre Karriere war im strengen Nachkriegsfrankreich allerdings vorbei. „Die Liebe ist doch so einfach“, sagt sie im Film.


Die Kinder des Olymp. Regie: Marcel Carné.

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