Vater unser – Angela Lehner (2019)

„Kärnten is a Wahnsinn!“ Das österreichische Bundesland, das zwischen Jörg Haider und Peter Handke irrlichtert, zwischen GTI-Treffen und Josef Winkler, bildet den biografischen Hintergrund der Psychatrie-Patientin Eva Gruber. Auch die Autorin Angela Lehner wurde 1987 dort geboren und hat einen ungewöhnlichen Roman geschrieben.

Schauplatz von Lehners Roman ist die ehemalige psychiatrische Klinik „Am Steinhof“ in Wien. Inzwischen ist dort die CEU, die aus Budapest geflüchtete Central European University, untergebracht.
Dort, in der Wiener Psychatrie mit schrecklicher Nazi-Vergangenheit und dem freundlichen Dr. Korb (erinnert sich noch jemand an die Kinder-Euthanasie an der Grazer Psychatrie unter Dr. Peter Korp?) ist es, wo Eva Gruber anlandet.

Lügen wie bei Ishiguro

Eva, die Ich-Erzählerin wird in die Klinik gebracht, führt uns durch ihr Universum, lügt uns die Hucke voll, versucht ihr fiktives Publikum durch extreme Coolness zu beeindrucken. So spricht sie angeblich ihren Arzt nur mit dem Familennamen an, „Korb“, sagt sie zu ihm. Vom „Ficken“ spricht sie zu ihm. Das sind großspurige Auftritte wie bei Kazuo Ishiguros Protagonisten in „Als wir Waisen waren“, sie verweisen auf das Trauma. Vielleicht noch stärker als der große Plan, mit ihrem Bruder den Vater zu ermorden, zeigen ihr Empathie-Mangel, ihr Herumgtrampel auf anderen, wie verwundet sie sein muss.

Der Bruder ist ebenfalls am Steinhof untergebracht, er ist am Verschwinden. Schon früher war er ein stilles Baby, ein Phänomen, das wir von misshandelten Kindern kennen. Ess-Störungen setzen ihm zu. Von Eva, die „ihm helfen“ will, fühlt er sich massiv bedroht. Als Leser beginnt man dies erst zu verstehen, nachdem die große Manipulatorin Eva der suizidalen Freundin des Bruders zur Entlassung verholfen hat.

Die Meerschweinchen-Szene passt gut dazu: Wieder und wieder hatte Eva als Kind ihr totes Meerschweinchen auf den Boden geworfen, damit es noch einmal zum Leben erweckt werde. Die anderen Kinder „sahen“, dass sie das Tier tötete.

Eva ist – neben diesen Schrecknissen – auch eine sympathische Figur: Zynisch und absolut nicht politisch korrekt bezeichnet sie ihre Leidensgenossinen als „Irre“ und bringt mit ihrer distanzlosen zynischen Art so manche Wahrheit ans Licht. Den Arzt bringt sie auf ihre Weise zum entlarvenden Statement, dass ihr Vater ja ein ganz potenter Mann gewesen sei. Die Wahrheit über das Patriarchat: eine „normale“ Reaktion auf eine Vergewaltigung durch den Vater, das „Geschwür“.

All about Eve

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Im Jahr 1950 kam der Film „All About Eve“ in die Kinos, in dessen Zentrum ebenfalls eine lügende, narzisstische Frau steht. Nach diesem Film hat die Medienwissenschaft das All-About-Eve-Ende benannt: Der Schluss verweist auf das trashige Intro, der Kreislauf kann von vorne beginnen, die Geschichte endet nicht, sondern geht immer weiter wie das sich drehende Seil, an dem ein Körper hing. Die Psychose hat eine perfekte Form gefunden.

Angela Lehner: Vater unser

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