Hunger – Knut Hamsun (1888)

HUNGER IN OSLO. Hunger – Wir Diät-Afficionados, wir AnorektikerInnen kennen dieses Grauen nicht mehr. Wir kennen lediglich seinen kleinen, netten Bruder: den Hunger, den wir beim Fasten verspüren.


Den grausamen, den echten Hunger haben uns in den letzten Jahren Filmemacher und Schriftstellerinnen anhand des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll nahegebracht: Den Hunger, der den Körper zerstört und die Psyche ein für alle Mal prägt:

Steve McQueen verfilmte in „Hunger“ 2008 den Tod von IRA-Hungerstreikenden ohne Romantik. Dann erschütterte uns Herta Müller 2009 mit dem Roman „Atemschaukel“: Der „Hungerhasen“ aus dem sowjetischen Gulag wird unvergessen bleiben. Ähnlich eindringlich die Russin Gusel Jachina mit „Suleika öffnet die Augen“ im vergangenen Jahr (2017). Mit einem scharfen Messer schneidet die Protagonistin in ihre Finger, damit Blut nährend aus ihr gesaugt werden kann.

Das Grauen – leichfüßig erzählt

Diesen „Trick“ – das eigene Blut zu trinken, um irgendwas in den Magen zu bekommen – versucht auch die Hauptfigur von Knut Hamsuns „Hunger“. Ein junger Mann, angehender Schriftsteller wohl, der in Oslo am Ende des 19. Jahrhunderts versucht zu überleben. Das Leben ist grausam zu dem Erzähler. Er möchte Texte verkaufen, er verkauft wenige, am Ende hat er keine Kraft mehr, kluge Gedanken zu erarbeiten.

Ein Jammertal? Mitnichten. Lesenswert ist das Werk heute vor allem deshalb, weil es (im Gegensatz zum „Segen der Erde“, für das Hamsun 1920 den Nobelpreis erhielt) eine äußerst erfrischende Erzählweise hat: Seine Scham präsentiert uns der Protagonist als Selbstironie. Nicht mal das lesende Publikum belästigt er mit seiner Situation. Er vertraut uns nicht.

Der Erzähler, der uns in seinem Bewusstseinsstrom mit sich reißt, versucht seine missliche Lage (Obdachlosigkeit, Hunger, Verachtung, Schwäche, Delirium, …) verbissen vor seinen MitbürgerInnen und auch vor sich selbst zu verbergen: Mit lächerlichen Ausreden lügt er sich in den eigenen Sack und über das Drama hinweg und erzeugt dadurch tatsächlich Komik. So behauptet er, seine Weste lediglich deshalb zu versetzen, weil sie ihm zu knapp sei, er lehnt oberlässig Hilfe von Menschen ab, um nicht zuzugeben, wie weit es mit ihm bereits ist, Polizisten fragt er mehrmals übermütig nach der Uhrzeit. Der Verfall ist jedoch dramatisch: Als er ein wenig Geld damit verdienen könnte, die Buchhaltung einer Geschäftsfrau nachzurechnen, scheitert er. Der Verstand ist beeinträchtigt. Sie wirft ihn hinaus.


Das Buch ist 1973 genial eingelesen worden, und zwar von Uwe Friedrichsen (dem Synchronsprecher von „Columbo“ Peter Falk und Donald Sutherland in „MASH“).  Friedrichsen kommte der Figur sehr, sehr nahe: Es ist zum Weinen, wie leicht er uns sein Leiden machen möchte, wie charmant er sich verstellt. Und es auch zum Weinen, wie dankbar wir als Publikum sind, dass er nicht „rumjammert“.

In den Germanisten-Listen der berühmten inneren Monologe („Joyce! Woolf! Schnitzler!“) finden wir Knut Hamsum merkwürdigerweise nur selten. Doch dieser Bewusstseinsstrom ist erstklassig und absolut lesenswert.

Knut Hamsun: Hunger

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