alias Grace – Margaret Atwood (1996)

Patchwork als Leitmotiv eines Krimis. Handelt es sich bei „alias Grace“ um einen Krimi?

Grace Marks, die Hauptfigur,  hat wirklich existiert, sie wanderte im 19. Jahrhundert aus dem verhungernden Irland nach Kanada aus, arbeitete als Magd (!) und Dienstmädchen und war in einen Doppelmord an ihren Dienstgebern verwickelt, verbrachte etwa 30 Jahre in Haft und verschwand nach ihrer Begnadigung. „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood grüßt aktuell aus dem Streaming TV: Auch hier müssen die Frauen ihre Klugheit, Weisheit und Intelligenz verbergen, um zu überleben.

Die Magd und der Arzt

Der Roman stellt Grace einen frühen Sigmund Freud, den Arzt Dr. Jordan, zur Seite und lässt sie diesem von ihren Erinnerungen erzählen. 16 Jahre nach dem Urteil „lebenslänglich“ darf sie tagsüber im Haushalt des Gefängnisdirektors arbeiten, wo die Gespräche stattfinden. Die fleißige Patchworkin näht während des Zusammenseins und entwirft ihre Geschichte Stück für Stück.

Der Doktor, bezahlt von einem Kommitee zur Begnadigung der Magd, ist fasziniert von Grace und diese wiederum weiß als Sheherazade die Spannung zu halten und lässt sein Interesse nicht erlahmen. Er hört ihr zu, wird – wie der Leser – umgarnt und verheddert sich am Ende.

Stück für Stück

Der Roman alias Grace  ist selbst ein kunstvolles Patchwork-Produkt: Die Erzählstimme von Grace wird begleitet von zeitgenössischen Quellen, Artikeln, Balladen und der Korrespondenz des fiktiven Dr. Simon Jordan. Die Titel der Kapitel tragen Namen von bekannten Quilts. Jeder Betrachter der Geschichte von Grace scheint ein anderes Muster zu sehen.

Nur durch das Zusammensetzen der Einzelteile, nach 500 Seiten, entsteht die komplette Geschichte, die schöne Patchworkdecke in voller Pracht.

Mann und Frau

Als Leser freut man sich zu Beginn natürlich über das Figurenensemble: Ein Arzt auf der Suche nach einer Frau trifft auf eine Frau, die bedauernswert, sympathisch, Opfer von Gewalt und Unrecht wurde. Man sieht förmlich Jane Eyre und Mr. Rochester aus Charlotte Brontës viktorianischem Roman vor sich und hört bereits die Hochzeitsglocken läuten. Aber so stereotyp arbeitet Atwood natürlich nicht: Grace könnte das Feld sein, auf dem der Arzt Karriere machen könnte. Aber er ist nicht gut genug – das zurückhaltende Wesen knockt ihn einfach aus.

Den Männern stehen in diesem Roman viele Optionen offen, schön gezeigt an der wandelbaren Figur des Jeremiah. Die Frauen können sich lediglich zwischen den vorgefertigten Bildern von Hure oder Heiliger entscheiden. Oder für beide? Die Figur der Mary Whitney bleibt für den Leser rätselhaft: Sie ist die einzige Freundin von Grace, eine Demokratin und Rebellin – Ist sie Teil der Geschichte von Grace oder reine Fiktion, in der Grace einen anderen Teil ihrer Person leben lassen kann?

Ach, die Männerfiguren: Wie sie immer wieder von Grace erzählt bekommen wollen, wie genau sie gelitten hat! Wie anders sie von der Gesellschaft beurteilt werden (Er ist doch nicht wahnsinnig, das ist eine Kriegsverletzung.)!

Und wie Grace Widerstand leistet: Sie lässt sich von all den Mächtigen nicht vollständig verstehen: Nicht vom Wissenschafter und Arzt, nicht vom Reverend, nicht von den feinen Damen.

Die schöne Patchworkdecke von alias Grace erzählt uns nicht nur eine großartige Geschichte (story), sondern auch auf großartige Weise Geschichte (history) des 19. Jahrhunderts abseits von Jahreszahlen und Wirtschaftsdaten: Wie das Leben für Frauen früher war.

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Margaret Atwood: alials Grace.

 

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