Die Sandelholzstrafe – Mo Yan (2001)

Das langsame Pfählen eines Menschen vom Anus bis zum Hals – bei lebendigem Leib, versteht sich -, das ist die Sandelholzstrafe. Wir sind in China im Jahr 1899: Im sogenannten Boxeraufstand versuchten Chinesen (erfolglos), sich gegen den europäischen und japanischen Imperialismus zu wehren. Die Jahrtausende lange Abschottung der chinesischen Kultur geht zu Ende.

GROSSMEISTER DER FOLTER

Mo Yan wählt das Szenario in seiner Heimatprovinz Shandong: Deutsche Ingenieure bauen eine Eisenbahn in der chinesischen Provinz, deutsche Soldaten brennen ein Dorf nieder, die Familie von Sun Bing wird ermordet, er schließt sich daraufhin den aufständischen Boxern an, wird bei einem Racheakt geschnappt. Daraufhin kommt es zum Finale zweier Großmeister in unterschiedlichen, aussterbenden Künsten: Sun Bing, Sänger der „Katzenoper“, einem sterbenden bäuerlichen Genre, ist der Verurteilte, der tagelang von Foltermeister Zhao Jia, der wiederum der letzte Meister seines Fachs ist, gepfählt wird.

In beiden Disziplinen – im Theater und bei der Hinrichtung – geht es darum, das Publikum zu beeindrucken. Mo Yan ist in seinem Element: Unerträglich genau – wir erinnern uns schaudernd an Ivo Andrić und seine Pfählungsszene in der „Brücke über die Drina“ – informiert uns der Autor über die Details der Folterung. Dazu lässt der Henker seine Gedanken zu vergangenen Aktivitäten schweifen und nimmt die LeserInnen auch in die Vergangenheit mit, wo sie erfahren, wie eine Verurteilung zum Tod durch Zerstückelung in 500 Teile im Detail ablief.

MASKEN, BÄRTE, POESIE

Wunderbar verleiht der Autor allen Protagonisten ihre eigene Sprache. Es ist eine Lust, dieses Buch zu lesen und die Figuren kennen zu lernen. Fünf Figuren, deren Leben eng miteinander verstrickt sind, kämpfen um ihre Sache und bringen die Handlung voran. In spannender Verflechtung von Vor- und Rückblenden erschließt sich nach und nach die Geschichte. Durch unterschiedliche Erzähler wird die vergehende Welt des abgeschotteten China aus mehreren Perspektiven beleuchtet. Und wie sie leuchtet!

Chinesische Erzähltraditionen haben es im Westen grundsätzlich schwer, daher werden sie selten übersetzt. In der Sandelholzstrafe gelingt die Kombination von modernem und traditionellem Erzählen hervorragend. Vormoderne Grausamkeit, Voyeurismus und burleske Späßen (das Ausreißen von Bärten, Menschen in Tiergestalt, Trinkgelage, …) faszinieren ebenso wie die beiden sprachlich so überraschenden Teile, die aus der Ich-Perspektive erzählen.

Eine Art Maskenspiel ist auch das mise en abyme, der Spiegel im Spiegel, von Inhalt und Form: Der Roman dreht sich inhaltlich um die Kunstform der Katzenoper, ist formal in der vorgeschriebenen Form für Katzenopern strukturiert und enthält zahlreiche poetische Elemente dieser altmodischen Kunstform.

„Ich bin bloß ein Bauer, der schreibt.“

Mo Yan, Nobelpreisträger für Literatur von 2012, ist nicht mit Büchern aufgewachsen: Als Kind musste er im Zuge der Kulturrevolution auf dem Land arbeiten und hörte sich dort die Geschichten der Bauern an. Weitere Stationen waren Fabriksarbeiter, eine Position als Propagandaoffizier bei der Armee und ein Literaturstudium im Beijing. Der Künstlername Mo Yan bedeutet „spricht nicht“. Dass er nicht in der politischen Opposition spricht, kreiden ihm Kollegen und Kritiker an. Er sagt, er sei eben bloß ein Bauer, der schreibt.

Mo Yan: Die Sandelholzstrafe

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