Der Weg des Falken – Jamil Ahmad (2013)

Der „Weg des Falken“ ist eine durch die Figur eines Jungen zusammengehaltene Sammlung von Erzählungen aus einer Weltgegend, die literarisch kaum erfasst ist: die „Stammesgebiete“ im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan. Der Autor ist Jamil Ahmad, der in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erzählte und in Literatur goss, was er als  Beamter der Zentralregierung sah.

Er sah – und wir sehen durch seine Augen – Grausamkeiten, Blutrache (und Wege, daraus zu entkommen), Frauen-Verkaufsmärkte, ehrbare Spitzel und den mörderischen Einbruch der Moderne in traditionelle Lebensweisen.

POLITICAL INCORRECT

All das können die LeserInnen ohne vor-installierte Political Correctness lesen. Wie in Bernstein konserviert, erzählt Jamil Ahmad aus einer fremden Welt. Er bewertet nichts aus dem Off. Dankbar genießt man lesend die Abwesenheit von moralisierenden Fußnoten die erklären könnten: „Wisse, Leser, dies repräsentiert eine archaische, patriarchale Gesellschaft und sie ist schlecht!“

Die Rezeption änderte sich im Zuge der Migration nach Europa drastisch: Was vor einiger Zeit von LiteraturfreundInnen als unkommentiertes Fossil zu bestaunt wurde, dient heute, da die Figuren aus dem „Weg des Falken“ bei uns angekommen scheinen, als Erklär-Folie für manch irritierendes Verhalten junger Männer – der Flüchtlinge aus eben diesen Ländern.

Jedes Jahr kam er in der Hoffnung, die Jungen würden inzwischen schalwars tragen, was bedeutet hätte, dass sie erwachsen geworden waren und er seinen Cousin rächen konnte.

INHALT

Als verbindende Figur streift Tor Baz, der Schwarze Falke, durch alle Episoden. Er hält den Text aus der Peripherie zusammen. Er ist das Kind einer durch verletzte Ehre ausgelöschten Familie, begleitet Analphabeten zur Hinrichtung, ist am Verkauf einer Frau beteiligt und erlebt das Massensterben von Nomaden, die die modernen Staatsgrenzen nicht akzeptieren können. Das ungeschriebene, komplizierte Recht der Stammesgebiete, das Pashtunwali, wird im Text sichtbar, wenn es verletzt wird. Sichtbar durch strafende Gewalt.

Durch die neun Episoden zieht sich die Abwesenheit der staatlichen Ordnungsmacht. DIE zivilisatorische Leistung europäischer Gesellschaften, nämlich das Gewaltmonopol, ist in den beschriebenen Stammesgebieten Westpakistans nicht durchsetzbar.

Der Islam bildet den selbstverständlichen Lebenshintergrund der Episoden, eine „Radikalisierung“ im heutigen Sinn, ein „Hass auf den Westen“ sind moderne Aspekte, die sich in den Texten von Jamil Ahmad nicht finden lassen.

DER AUTOR

Jamil Ahmad (1933-2014) war pakistanischer Beamter, der sich freiwillig in die Stammesgebiete versetzen ließ. Er lebte dort jahrelang mit seiner Familie, setzte sich mit dem Pashtunwali und seinen Protagonisten auseinander, lernte die Sprachen und ließ sich in den siebziger Jahren zum Schreiben animieren. Publiziert wurden die Texte erst 30 Jahre später, als sein Bruder die Blätter bei einem Literaturwettbewerb einreichte.

RESÜMEE

Der Genuss an der hohen Qualität der Sprache und an den archaischen Geschichten führt ins Herz einer fremden Welt. Die LeserInnen folgen den Ereignissen und changieren zwischen Faszination, Mitgefühl, Verständnis, Vorurteilen und Ablehnung.

Die Flüchtlinge von heute, die uns manchmal als Vertreter dieser archaischen Welt erscheinen, sind bereits die dritte Generation nach dem fiktiven Tor Baz. Jamil Ahmad erklärt uns nicht unsere globalisierte Welt mit ihren Konflikten. Das Buch erzählt eine Welt, die parallel zu „Wickie, Slime & Piper“ existiert hat.


Jamil Ahmad: Der Weg des Falken

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