Eine sehr kleine Frau – Peter Henisch (2007)

Scarlett O’Hara und Adolf Hitler.

Es war einmal eine Frau, die in Wien 1938 so in den Roman „Vom Winde verweht“ vertieft war, dass sie den Anschluss an Nazi-Deutschland gar nicht bemerkte:

„Es war Februar 1938. Vom Winde verweht hatte sie am Samstag, den 11., zu lesen begonnen. Bis zum folgenden Mittwoch hatte sie schon zwei Drittel des Buchs hinter sich. Scarlett hatte Ashley zum Trotz Charles Hamilton geheiratet, war, zwei Monate nach der überstürzten Hochzeit, bereits Witwe, und neun Monate danach Mutter.“

Die Frau, der Rhett Butler wichtiger war als die Faschisten, ist nicht erfunden worden. Sie war die Großmutter von Peter Henisch. Die Großmutter, die den Wiener Autor von klein an mit Literatur impfte und ihm alles erzählte, was sie las.

Seit den 70er Jahren verfasst dieser Peter Henisch große Bücher, gerne mit stark biografischer Note. 1975 erregte er mit „Die kleine Figur meines Vaters“ Aufsehen. Penibel hatte er damals den Lebenslauf von Walter Henisch als Pressefotograf recherchiert und berichtet auch von seinen Reflexionen über das Fotografieren an sich und die Beziehung zwischen Vater und Sohn.


„Wenn man erzählt, sagte die Großmutter, ist das, wie wenn man einen Weg geht.“


Für die „sehr kleine Frau“ hat Peter Henisch die Form der Literatur gewählt. Er lässt ein Alter Ego von sich, Paul Spielmann, durch Wien wandern und sich an die Großmutter erinnern. Die Kindheitswege in der Nachkriegszeit durch Wien mit ihr vergleicht er mit dem Wien über 50 Jahre später und allein das begeistert Wiener LeserInnen.

Auch die Hauptfigur Marta ist verdoppelt: Wir lernen sie aus der Kind-Perspektive in der Erinnerung des Erzählers kennen, erfahren aber auch, wer Marta als junge Frau war.

Der Graf von Monte Christo

Marta war eine mit einem Kind „sitzengelassene“ Tochter aus jüdischem Haus, die einen ungeliebten Mann (keinen Rhett Butler!) fand, der sie finanziell rettete und die die Literatur fand, die sie innerlich rettete: Nicht nur „Vom Winde verweht“, erzählt uns Marta Spielmann, die es Paul Spielmann erzählt, wie uns Peter Henisch erzählt. Auch Vicky Baums „Menschen im Hotel“ kommen vor, „Hamlet“, „Quo vadis?“ und „Der Graf von Monte Christo“, der Marta viel besser gefiel als „Madame Bovary“.

Leitmotivisch zieht sich ein Klavier durch das Buch. Ganz zu Beginn erfüllt es die Funktion des berühmten Madeleine-Gebäcks bei Proust: Ein Ton wird angeschlagen und Paul Spielmann ist plötzlich ganz in seine Erinnerungen versetzt.

Nächstes Jahr in Jerusalem

Mit einer gelungene kleine Pointe gegen Ende des Buchs begleiten wir Marta nach einem anstrengenden Leben „heim“: Nach ihrem Tod findet der Enkel ein „Ticket nach Jerusalem“, das es so nicht gibt (Jerusalem hat keinen internationalen Flughafen). Der Gruß „Nächstes Jahr in Jerusalem“ beendet traditionell den Feiertag, an dem des Auszugs aus Ägypten gedacht wird: Das gelobte Land ruft.

 

Peter Henisch: Eine sehr kleine Frau.
Titelfoto: Manfred Werner CC BY-SA 3.0

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